Kirchenmusik in Soest

Unsere Kantorei wurde im Jahr 1967 als übergemeindlicher Oratorienchor unter dem Namen "Soester Stadtkantorei" gegründet. Zum 30-jährigen Jubiläum im Jahre 1997 fasste die Zeitzeugin Marianne Vogelsänger ihre Erinnerungen über die Anfänge unseres Chores in dem folgenden Text zusammen:

Wie alles begann

(von Marianne Vogelsänger, 1997)

 Unsere Stadtkantorei ist 30 Jahre alt! Ich, Marianne Vogelsänger, die ich von Anfang an dazugehörte und auch einiges aus der Vorgeschichte weiß, will versuchen zu erzählen, wie es zur Gründung unseres Chores kam.

Schon einige Jahre vor seinem Entstehen wurde der Wunsch laut, neben den in allen Soester Gemeinden bestehenden Kirchenchören eine übergemeindliche Kantorei zu gründen, die in der Lage wäre, auch größere Werke aufzuführen. Die einzelnen Chöre damals – etwa 1955-1966 – waren teilweise recht leistungsfähig und -willig. Ich erinnere mich gut an den Wiese-Chor unter K.H. Büchsel (Bach-Motetten), den Pauli-Chor unter A. Nelle (Bach-Kantaten), den Chor an St. Petri, der jährlich Bachs Weihnachtsoratorium aufführte (Kantor Pfeiffer), an das Chörchen, das an jedem Samstagabend bei den Wochenschlussandachten des Predigerseminars unter Kantor Büchsel in der Thomäkirche sang. Möglich war das alles, weil es singfreudige “Wanderer" gab, – wir Vogelsänger gehörten auch dazu – die ringsumher in den Chören aushalfen. Das machte großen Spaß, doch wir wünschten es uns anders, wünschten uns einen ständigen, leistungsstarken und anspruchsvollen Chor.

Endlich, 1963, kam eine Eingabe – der Verfasser ist leider nicht zu ermitteln – an den damaligen Gesamtverband der evangelischen Kirchengemeinden „betreffs einer der beiden besetzbaren hauptberuflichen A-Kantorenstellen" Soests. Der liturgisch-kirchenmusikalische Ausschuss wurde daraufhin beauftragt, in möglichst kurzer Zeit dem Gesamtverband „eine beratungsfähige Vorlage zur Beschlussfassung" zu unterbreiten. Zur nächsten Sitzung des Gesamtverbandes im August 1963 wurde mein Mann, Siegfried Vogelsänger, mit beratender Stimme eingeladen. Festgestellt wurde, dass der derzeitige hauptamtliche A-Kantor an Wiese-Georg, Herr Schneck, für diese Stelle nicht in Frage kam. Es wurden Bedingungen für den demnächst neu zu wählenden Petri-Kantor aufgestellt: er sollte geeignet sein, neben dem Dienst eines A-Kantors an St. Petri den Dienst am Predigerseminar und den Aufbau einer Stadtkantorei zu übernehmen. In der Oktobersitzung des Gesamtverbandes beschloss man, dass in Soest fortan nur ein hauptamtlicher Kirchenmusiker tätig sein solle – wechselweise an Wiese-Georg und St. Petri. Man wolle die Kirchenmusik im Rahmen der Möglichkeiten entsprechend fördern und die Durchführung dieser Beschlüsse beschleunigen. Der Planungsausschuss bestand aus Pastor Fuchs, Frau Haverland, Herrn Vogelsänger und Kantor Schneck. lm Juli 1964 wurden in den liturgisch-kirchenmusikalischen Ausschuss gewählt: die Pfarrer Freitag und Sprenger, Ephorus Danielsmeyer, die Damen Haverland und Bochholt, die Herren Heienbrock, Vogelsänger, Fink, Dr. Schmidt, Niemann, Zahnow, Schneck, Eichholz, Schäfer, Tunger und Peitzmann. Dieser Planungsausschuss berichtete im Februar 1965 über seine Arbeit und erwirkte, dass die Kollekte aller Kirchengemeinden des Kirchenkreises Soest am Kantatesonntag 1965 für die Kirchenmusik in Soest zur Verfügung stehen sollte.

lm März 1966 – Kantor Schneck war von Soest nach Trier übergewechselt – lehnte der Gesamtverband die Einrichtung einer hauptberuflichen B-Stelle für die Wiese-Gemeinde ab. Der kirchenmusikalische Ausschuss arbeitete inzwischen die Dienstanweisung für den an St. Petri neu anzustellenden Kantor aus. Vorüberlegungen fanden, wie ich mich erinnere, auch bei uns Zuhause zwischen Herrn Niemann, meinem Mann und Pastor Sprenger statt. In der Gesamtverbands-Sitzung vom 19.7.1966 hatte der liturgisch-kirchenmusikalische Ausschuss die Frage der übergemeindlichen Arbeit des neuen Petri-Kantors vorbesprochen und sich mit Mehrheit für den Aufbau eines übergemeindlichen Chores entschieden. Die A-Stelle an St.Petri war längst ausgeschrieben, Friedrich Ehrlinger gewählt. Am 5. Dezember 1966 wurde vom Gesamtverband „der Antrag des St. Petri-Presbyteriums vom 23.8.1966 auf Anstellung des Kantors Friedrich Christian Ehrlinger aus Fürth zum 1.1.1967 (...) einstimmig genehmigt."

Kantor Friedrich Ehrlinger

lm neuen Jahr, am 15. Januar, einem Sonntagabend, trafen sich auf Einladung des St.Petri-Presbyteriums alle, die sich für das Projekt eingesetzt hatten, im “Wilden Mann". Wir Vogelsänger waren auch dabei. Der neue Kantor stellte sich vor; und damals schon ahnten wir, dass er mit seiner offenen, herzerfrischenden Art in Soest viele Freunde gewinnen könnte und dass es uns eine Freude sein würde, mit ihm zu singen.                                


Von der Stadtkantorei zur Kantorei an St. Petri       

(von Angelika Rode, 2017)

28 Jahre leitete der erste Chorleiter Friedrich Ehrlinger die Stadtkantorei und machte sie zu einer Institution des geistlich-kulturellen Lebens in Soest. Margot Reuter, ein Mitglied der ersten Stunde, schrieb uns über diese Zeit: „In den 70er und 80er Jahren hatten wir einen ganz tollen, großen Chor. Wir waren alle jung und hatten noch die wunderbaren Stimmen…. und für uns den besten Chorleiter, den man sich vorstellen kann.“

A.-K. Gera


Nach dem leider viel zu frühen Tod des Gründungskantors übernahm 1996 A-Kantorin Anne-Katrin Gera für fünf Jahre die Leitung der Stadtkantorei. Der Chor profitierte besonders von ihrer profunden Kenntnis der Stimmbildung.


Wir heutigen Chormitglieder sehen uns in der Tradition unserer Vorgänger. Wie sie engagieren wir uns mit „Herz und Mund und Tat“ für eine anspruchsvolle, lebendige Kirchenmusik in Soest. Mit Begeisterung erarbeiten wir jedes Jahr neue Werke aus dem gewaltigen Schatz der Kirchenmusik und freuen uns zu erleben, wie bei einer gelungenen Aufführung die Musik ihre Wirkung entfaltet.

Wie unsere Vorgänger sehen wir aber auch, dass immer wieder Überzeugungsarbeit zu leisten ist, um den Wert dieses kostbaren kirchlichen Kulturgutes ins Bewusstsein zu heben und die Bereitschaft zu wecken, die materiellen Grundlagen für Erhalt und Weiterentwicklung dieser Kultur zur Verfügung zu stellen. Das ist hin und wieder auch mit größeren Aufregungen verbunden, führte aber bisher glücklicherweise immer zum Erfolg.  

Die erste Aufregung dieser Art erlebte ich als Chormitglied im Jahre 2006. Sinkende Kirchensteuern führten dazu, dass die kleineren Soester Gemeinden ihren Beitrag zur Finanzierung der Stadtkantorei infrage stellten. Doch konnte mit Hilfe der Petri-Pauli-Gemeinde, des Gospelchores „Magnificats“ und des Freundeskreises der Soester Stadtkantorei e.V. die A-Stelle an St. Petri erhalten und damit eine qualifizierte Leitung der beiden übergemeindlichen Chöre gesichert werden. Zudem unterstützte die Gemeinde die Konzerte der Stadtkantorei mit einem Zuschuss.

In der Folge schloss sich die Stadtkantorei stärker an die Petri-Pauli-Gemeinde an. Neben den großen Konzerten in der Petrikirche und dem traditionellen Auftritt im zentralen Reformationsgottesdienst sangen wir regelmäßig in Hörzeiten, im Weihnachtsgottesdienst und in manchen anderen Gottesdiensten oder Veranstaltungen in St. Petri und St. Pauli.

Unter Anleitung von Kantor Johann-Albrecht Michael und Stimmbildnerin Susanne Kraus-Hornung, die sich in ihrer Arbeit wunderbar ergänzten,  nahm die Kantorei eine positive Entwicklung, was uns zu unserer Freude nach den Auftritten zunehmend von Musikern und Hörern gespiegelt wurde.

J.-A.Michael
S.Kraus-Hornung

J.-A. Michael                           S. Kraus-Hornung

Doch Anfang 2016 kam die nächste Aufregung! Als Johann-Albrecht Michael nach 13 Jahren nach Berlin wechselte, beschloss die Gemeinde, neue Schwerpunkte in der Kirchenmusik zu setzen. Der oder die Neue sollte sich ganz auf die Gemeindearbeit konzentrieren, die übergemeindliche Stadtkantorei sollte nicht mehr im Dienstauftrag der A-Stelle an St. Petri vorkommen. Doch dazu kam es zum Glück nicht. Nach vielen Gesprächen zwischen Presbyterium, Stadtkantorei und Freundeskreis der Soester Stadtkantorei e.V. fanden wir gemeinsam eine tragfähige Lösung:

A. E. Arnsmeier

Seit Anfang 2017 gehört unsere Kantorei nun ganz zur evangelischen Petri-Pauli-Gemeinde und änderte darum ihren Namen in „Kantorei an St. Petri“. Als solche bringt sie sich stärker als früher in die Gottesdienste der Gemeinde ein, ohne auf die Aufführung großer kirchenmusikalischer Werke zu verzichten. Sie wird geleitet von der A-Kantorin der Gemeinde Annette Elisabeth Arnsmeier – eine Zusammenarbeit, die uns viel Freude macht!